Über vier Jahre nach Fukushima: Japan fährt Atommeiler wieder hoch

Immer noch sitzt bei vielen Japanern auch über vier Jahre nach Fukushima der Schock über diese Atomkatastrophe tief. Viele Menschen wollen deshalb nicht, dass auch nur ein Atommeiler wieder hochgefahren wird, aber die Regierung des Inselstaates ist da anderer Meinung. Aber auch wenn jetzt der Reaktor Sendai 1 wieder angeworfen wurde, wird es wohl dennoch kein „Weiter so“ geben. Von den ehemals 54 vorhandenen Reaktoren sind derzeit nur 43 überhaupt betriebsfähig. Die Anfrage für einen Neustart wurde bislang nur für 25 Reaktoren gestellt, also für weniger als die Hälfte, die 2010 noch am Netz waren.

Vor dem großen Beben in Fukushima am 11. März 2011 war Japan nach den USA und Frankreich die Atomstrom-Nation Nummer Drei auf der Welt. Rund ein Drittel des Strombedarfs des Landes wurde durch die in Betrieb befindlichen 54 Atommeiler abgedeckt. Seit der dreifachen Kernschmelze hat man in dem asiatischen Inselstaat fast völlig auf Atomkraft verzichtet. Aber nun hat der Betreiberkonzern Kyushu Electric Power den ersten Block des Atomkraftwerks Sendai in der südwestlichen Provinz Kagoshima wieder hochgefahren. Und das trotz massiver Bürgerproteste und Gerichtsverfahren, die das Zuschalten bis zur letzten Sekunde noch verhindern wollten.

Laut Tagesschau.de sind Umfragen zufolge rund 70 bis 80 Prozent der Bürger für einen endgültigen Atomausstieg. Es kann also vorerst einmal gar keine Renaissance der Atomkraft in Japan geben, weil ohne die Zustimmung der lokalen Bevölkerung und von Behörden kein Meiler wieder ans Netz gehen darf. Dass die Zentralregierung in Tokio unter Ministerpräsident Shinzo Abe gern zur Atomkraft zurück will, nützt da also wenig, auch wenn viele Bürger in dem jetzigen Wiederhochfahren einen Etappenerfolg der Atomlobby sehen.

Experten warnen zudem jetzt vor den technischen Risiken, die nach dem Hochfahren der lange stillstehenden Reaktoren auftreten können. Wie der Wirtschaftsdienst „Bloomberg“ bemerkt, ist das Hochfahren dutzender, seit über vier Jahre stillstehender Atommeiler, ein in dieser Dimension weltweit einzigartiges Experiment. Das käme einer langen Urlaubsfahrt gleich, die man mit einem Auto unternehmen würde, das nun 30 Jahre lang in der Garage eingemottet war. Wie Rohre, Pumpen oder Dichtungen nach so langer Zeit auf Belastung reagieren ist trotz umfangreicher Tests ebenso ungewiss, wie der Trainingsstand des Personals, welches seit Jahren nicht mehr praktisch im Einsatz war.

Selbst wenn also in diesen Tagen die beiden Reaktoren Sendai 1 und 2 wieder ans Netz gehen werden, steht wohl fest, dass Japan nie wieder eine so große Atomstrommacht wird wie vor dem Unfall in Fukushima. Sendai ist in diesem Jahr der einzige Meiler, der wieder Strom produzieren wird. Theoretisch könnten von den 54 Reaktoren vor dem Unglück noch 43 wieder hochgefahren werden. Der nächste Reaktor wäre aber erst 2016 wieder dran. Bislang ist für 25 Reaktoren die Genehmigung zum Neustart beantragt wurden. So kann Sendai derzeit nur als Zäsur betrachtet werden, die vor allem symbolischen Charakter hat. Ein Comeback dieser Energietechnologie wird es wohl auf der Insel nicht geben.

Bilder: © Doug Bowman, Flickr

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