Energiewende live: AKW Grafenrheinfeld geht diese Woche vom Netz

Voraussichtlich in dieser Woche (27. Juni) wird das AKW Grafenrheinfeld vom Netz gehen. Damit geht dann der älteste noch aktive Reaktorblock in der Bundesrepublik in Rente. Umweltschützer und Atomkraftgegner jubeln, aber nicht alle in Unterfranken sind glücklich mit diesem Vorgang, der quasi die Energiewende live in den Landkreis Schweinfurt holt. Nach über 33 Betriebsjahren und 333 Milliarden Kilowatt erzeugten Strom geht in Nordbayern eine Ära zu Ende. Was das für die Gemeinde, den Betreiber E.On und den Umbau unseres Stromnetzes bedeutet, erläutern wir in diesem Artikel.

Das AKW Grafenrheinfeld in Unterfranken war eine Berühmtheit und eine Attraktion für eine ganze Region. Nun geht dieser Energieriese in dieser Woche vom Netz – Energiewende live, sozusagen. Wer im Deutschunterricht einmal das Drama „Die Wolke“ von Gudrun Pausewang gelesen hat, den lässt der Name Grafenrheinfeld nicht mehr los. Die fiktive Geschichte um die 14-jährige Janna-Berta, die mit den Folgen einer Reaktorkatastrophe zu kämpfen hat, nimmt einen gefangen und erläutert schrecklich ehrlich die Folgen einer Atomkatastrophe. Die Story spielte damals in der Umgebung des Kernkraftwerkes, welches nun endgültig am kommenden Wochenende (27. Juni 2015) abgeschaltet werden soll. Damit geht nach 33 Betriebsjahren das älteste noch betriebene deutsche AKW vom Netz. In seiner gesamten Laufzeit hatte der Druckwasserreaktor insgesamt 333 Milliarden Kilowattstunden Strom erzeugt. Eine Menge die ausreicht, um ganz Bayern über vier Monate mit Strom zu versorgen.

Eigentlich hätte dieser alte Reaktor noch eine Galgenfrist bis 2029 gehabt, aber mit der Reaktorkatastrophe am 11. März 2011 im japanischen Fukushima änderte die Politik die eingeschlagene Marschrichtung und legte die Schließung für 2015 fest. Damit geht nach Isar I schon der zweite Block in Bayern vom Netz. Grafenrheinfeld ist die erste Anlage in der BRD, die nach der Änderung des Atomgesetzes abgeschaltet wird. Für die kleine Gemeinde mit rund 3.500 Einwohnern wird das bedeuten, dass künftig die Steuereinnahmen vom Stromriesen nicht mehr so üppig fließen werden wie in den vielen Jahrzehnten zuvor. Zu den Ausgleichsmaßnahmen sagte Sabine Lutz, die Bürgermeisterin der Gemeinde laut dem Bayrischen Rundfunk: „Wir haben die Grundsteuer erhöht, wir haben die Gewerbesteuer erhöht, wir haben Kindertagesstättengebühren erhöht, wir haben Benutzungsgebühren für die Altmainsporthalle und die Kulturhalle erhöht. Es ist aber nicht nur mit Erhöhungen getan. Wir prüfen momentan: Wo können wir Energie sparen, wo können wir Kosten sparen.“

Dazu hat man auch schon seit 2010 Zeit, denn seitdem schon zahlt E.On keine Gewerbesteuern mehr, da der Konzern Gewinne und Verluste von verschiedenen Standorten verrechnen kann. Deshalb musste die Gemeinde in den vergangenen Jahren sogar immer wieder damit rechnen, dass schon eingezahlte Steuern zum Abschluss des Geschäftsjahres wieder zurückgefordert werden könnten. Allerdings hat die Gemeinde das, wovon viele andere deutsche Gemeinden nur träumen können: 13 Millionen Euro auf der hohen Kante. Dennoch müssen sich die Gastronomen und Pensionsbetreiber in Grafenrheinfeld umstellen. Kamen bislang im Jahr rund 1.000 externe Mitarbeiter zur jährlichen Inspektion, so sind es in Zukunft wohl meist die Arbeiter, die sich um den Abriss des Kraftwerkes kümmern.

Noch bis 2028 wird man die Spuren dieses AKWs sehen können. Die zuletzt genutzten Brennelemente müssen noch rund fünf Jahre im sogenannten Nasslager unter Wasser bleiben. Erst dann sind sie soweit abgekühlt, dass sie in Castoren in das nur wenige Meter entfernte Zwischenlager transportiert werden können. Danach, also 2020, beginnen der Abbau der Anlagen und der Abriss der Gebäude. Die Genehmigung des Zwischenlagers, das 2006 in Betrieb genommen wurde, läuft noch bis 2046. Um den immer wieder aufflammenden Diskussionen um die Sicherheit des Lagers zumindest etwas Einhalt zu gebieten, will E.On zum Schutz vor terroristischen Angriffen mit Feuerwaffen oder aus der Luft rundherum eine rund zehn Meter hohe Mauer errichten. Allerdings würde das Zwischenlager auch mit der neuen Konstruktion einem Absturz eines Verkehrsflugzeuges mit Sicherheit nicht standhalten. Der Energiekonzern entgegnet den Gegner aber, dass die Castorbehälter so konstruiert seien, dass sie nach einem Flugzeugabsturz und entzündetem Kerosin bei Temperaturen von 1.400 Grad über eine halbe Stunde dicht bleiben sollen. Bleibt also nur inständig zu hoffen, dass es nie soweit kommt.

Auch nach der Abschaltung macht sich die bayrische Wirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) allerdings keine Sorgen um die Energieversorgung im Freistaat. Dem Handelsblatt sagte sie: „Die Versorgungssicherheit in Bayern ist durch die Abschaltung von Grafenrheinfeld in keiner Weise bedroht. Die problemlose Abschaltung von Grafenrheinfeld zeigt, wie weit wir mit der Energiewende in Bayern und Deutschland bereits gekommen sind. Das ist ein guter Moment, um einmal positiv über die Energiewende zu sprechen.“

Bilder: © Alexander von Halem, Flickr

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